Integration und Ausschluss. Ethnizität, Staatsbildungsprozesse und Stratifikation in Ruanda
Zusammenfassung
In bezug auf Ruanda gibt es eine lange und hartnäckige Tradition, das Land und seine Gesellschaft unter dem Gesichtspunkt von Ethnizität zu betrachten. Doch Ruandas ethnische Gruppen zeichnet nichts aus, was nach heute üblichen Kriterien Ethnizität ausmacht: gemeinsame Kultur, gemeinsame Sprache, gemeinsame Geschichte usw.
Übrig bleibt eine kuriose Mischung aus rassischen, sozioökonomischen und politischen Kriterien, die das Wahrnehmungsmuster in bezug auf Ruanda deutlich als Kind europäischer Rassendiskurse des 19.Jh. ausweisen: behauptete physische Unterschiede zwischen den Gruppen, unterschiedliche Wirtschaftsweisen (Ackerbau vs. Viehzucht) und nicht zuletzt soziale und politische Unter- und Überordnung. Letztere brachten einzelne Autoren dazu, statt von Volk oder Rasse (den bevorzugten Termini der Kolonialadministrationen) auch von Klassen bzw. von Kasten zu sprechen. Bis in die Sechziger Jahre hinein dominierten zudem Ansätze, die die sogenannten ethnischen Gruppen - Hutu, Tutsi und Twa als gegeben annahmen und damit auch implizit meist als handelnde, historische Akteure verstanden. Ab den Sechziger Jahren machten sich konstruktivistische Strömungen auch hinsichtlich Ruandas bemerkbar und führten bei einigen Autoren dazu, die Realität von Ethnizität überhaupt zu leugnen oder sie als Ergebnis der kolonialen Intervention auszuweisen. Ein Ergebnis der Debatten in der Forschung war eine bis heute wirkmächtige und scharfe Polarisierung zwischen Konstruktivisten und Primordialisten, die um die Frage zu kreisen scheint: Gibt oder gab es ethnische Gruppen in Ruanda oder nicht? Selbst wenn die Frage für die vorkoloniale Periode verneint wird, scheint sich das Problem nur zu verschieben bzw. wird als Frage nach den Mechanismen der Ethnogenese neu gestellt.
Dadurch verschiebt sich gleichzeitig auch die Perspektive von der Analyse eines Zustandes zu einer Analyse eines Prozesses, der nicht mehr in binären Kategorien (vorhanden/nicht vorhanden) gedacht werden kann.
Das methodische Postulat der Arbeit zielt nun genau darauf: dass Ethnizität nur erklärt werden kann, wenn sie als geschichtlich gewachsenes Phänomen betrachtet wird und ihre Genese, d.h. ein Prozess analysiert wird. Gleichzeitig kann Ethnizität nicht losgelöst von anderen sozialen Prozessen analysiert werden. Für Ruanda heißt das, dass sie in den Kontext von der Evolution von Herrschaft und sozialer Ungleichheit gestellt werden muss. Die zentrale und im Titel der Arbeit umschriebenen Hypothese der Arbeit versucht genau diesem Postulat zu genügen. Sie lautet, dass die Konjunktur des Ethnischen in Ruanda als ein Ergebnis von Integration (also der Staatsbildung und der Zentralisierung von Herrschaft) und von verschiedenen, ungleichmäßigen Ausschlussbewegungen (auf diskursiver, politischer ebene usw.) zu verstehen ist. Die untersuchte Zeitspanne reicht dem gemäß von den Anfängen der Staatsbildung in Ruanda zwischen 1000 und 1500 n.Chr. bis zur Unabhängigkeit des modernen Staates 1962. Ausschluss ist dabei die zentrale Metapher, mit der verschiedene Asymmetrien im politischen Bereich, in der Ökonomie, im Sozialen beschrieben und als Ergebnis des spezifischen Verlaufs des Staatsbildungsprozesses ausgemacht werden.
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