Neues Buch: Qualitative und interpretative Methoden in der Politikwissenschaft


Das neue Lehrbuch von Barbara Prainsack und Mirjam Pot erschien am 10. Mai 2021 beim UTB Verlag. Auf dieser Seite finden Sie Informationen zum Buch.


Über das Lehrbuch

Dieses Lehrbuch vermittelt qualitative Methoden der empirischen Sozialforschung mit einem speziellen Fokus auf das Fach Politikwissenschaft. Dabei zeichnet es sich insbesondere durch seine Schwerpunktsetzung auf interpretative Forschungsansätze sowie die Fruchtbarmachung innovativer Methoden aus Nachbardisziplinen für die Politikwissenschaft aus.

 

ISBN

9783825255848

Auflagennr.

1. Aufl.

Erscheinungsjahr

2021

Erscheinungsdatum

10.05.2021

Formate

UTB M (15 x 21,5 cm)

Umfang

280 S.

 

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 Interview zum Lehrbuch mit Mirjam Pot

 Interview zum Lehrbuch mit Mirjam Pot

 
Anlässlich der Veröffentlichung des Lehrbuchs "Qualitative und interpretative Methoden in der Politikwissenschaft" wurde eine der Autor*innen Mirjam Pot von Natalia Varabyeu Kancelova interviewt. 

 

In Zeiten der Digitalisierung, Informationsbeschleunigung und Big Data erscheint im Kontext sozialwissenschaftlicher Forschung ein quantitativer Zugang als das geeignetste Mittel der Wahl. Warum also ein Buch zu qualitativen Methoden?

Welche Methode das geeignetste Mittel der Wahl ist, hängt grundsätzlich immer davon ab, was genau man untersuchen und verstehen möchte. Von methodischen Ansätzen, die mit großen Datensätzen arbeiten und die auf komplexen Berechnungen beruhen, mag für manche ein gewisser Reiz ausgehen. Doch erstens sind nicht alle politischen Phänomene in Zahlen zu fassen und „berechenbar“ und zweitens spricht aus Berechnungen an sich keine größere Wahrheit als aus den Ergebnissen qualitativer Forschung. Um ein politisches Phänomen im gesellschaftlichen Kontext zu verstehen, das heißt seine Bedeutung zu verstehen, bedarf es letztlich immer eines qualitativen und interpretativen Zugangs. Auch ist die Überzeugungskraft und Autorität, die von großen Datenmengen und quantitativen Forschungsergebnissen ausgeht, selbst ein interessanter und aktueller Untersuchungsgegenstand für die Politikwissenschaft. Um zum Beispiel zu verstehen, warum Politiker*innen, wenn sie von evidenzbasierte Politikgestaltung sprechen, oftmals nur auf bestimmte Zahlenwerte zurückgreifen (wie wir dies auch aktuell in der Corona-Krise sehr deutlichen sehen) und andere Formen der Evidenz außen vor lassen, braucht es letztlich qualitative Methoden.

 

In der Pandemiesituation ist ein persönliches Setting zum Durchführen von qualitativer Forschung nicht möglich. Welche digitalen Alternativen bieten sich bspw. Studierenden an, die empirische Erhebungen für ihre Abschlussarbeit in dieser Situation durchführen müssen, und was ist dabei besonders zu beachten?

Die Covid-Situation bringt für qualitative Forscher*innen eindeutig spezielle Herausforderungen und Einschränkungen mit sich. Dies hängt vor allem mit den Reisebeschränkungen, Ausgangssperren und Hygienemaßnahmen zusammen, die die Erhebung von Daten erschweren. Doch durch die Einschränkung des öffentlichen Lebens sind jedoch auch bestimmte soziale und politische Phänomene (und damit Forschungsgegenstände) weniger präsent. Gleichzeitig tun sich mit der Pandemie neue Forschungsfelder und methodische Möglichkeiten auf. So vermute ich, dass im Zuge der Corona-Krise die digitalen Kompetenzen – zumindest in manchen Gruppen – zugenommen haben. Sich heute online über Zoom oder ähnliche Programme zu treffen ist auch weit weniger exotisch als dies noch vor eineinhalb Jahren der Fall war. Das kommt qualitativen Forscher*innen insofern zu Gute, als es damit leichter wird Menschen aus verschiedenen geographischen Regionen in die eigene Forschung zu inkludieren und diese beispielsweise für Online-Interviews zu gewinnen. Neben Interviews können etwa auch Ethnographien online durchgeführt werden, wie Meropi Tzanetakis in dem eigenen Kapitel zu digitalen Methoden im Buch aufzeigt. Trotzdem gilt es auch zu berücksichtigen, dass lange nicht alle Menschen Zugang zu digitalen Technologien haben. Qualitativen Forscher*innen sollten immer bedenken, dass jede Methode – unabhängig davon ob digital oder analog – den Zugang zu und die Teilnahme von zu bestimmten Menschen ermöglicht und von anderen wiederum erschwert. Auch wirft jede Methode bestimmte forschungsethische (und auch rechtliche) Fragen auf. Bei digitalen Methoden etwa inwiefern und wie die Verfasser*innen von Beiträgen in öffentlichen Foren und auf Social-Media-Plattformen um ihre Zustimmung gefragt werden müssen, wenn Forscher*innen dieses Material analysieren möchten.

 

Die Forschungsethik ist ein Bereich, den man vor allem aus anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen wie der Kultur- und Sozialanthropologie oder der Soziologie kennt. Welche forschungsethischen Aspekte sind bei politikwissenschaftlicher Forschung relevant?

Forschungsethik betrifft die empirische Politikwissenschaft genauso wie alle anderen sozialwissenschaftlichen Disziplinen. Institutionell ist Forschungsethik in der Politikwissenschaft jedoch viel schwächer verankert und auch ein explizites Bewusstsein für Forschungsethik ist noch relativ schwach ausgeprägt. Das ist insofern überraschend, als die Erforschung von Machtverhältnissen zentral ist in Politikwissenschaft und Forschungsethik im Wesentlichen die Frage betrifft, wie die Beziehung zwischen Forscher*in und Forschungsteilnehmer*innen ausgestaltet ist und wie Teilnehmer*innen vor potentiellen negativen Konsequenzen, die aus ihre Teilnahme erwachsen, geschützt werden können. Ethisches Forschen ist dabei jedoch weniger die strikte Befolgung eines Richtlinienkatalogs als eine Reflexion und ein situationsbezogenes Abwägen. Forschungsethische Überlegungen stellen sich dabei potentiell in allen Phasen eines Forschungsprojekts. Das reicht von der Formulierung der Forschungsfrage, über die Rekrutierung von Teilnehmer*innen und den Umgang während der Datenerhebung bis hin zu Fragen des Datenschutzes und die Veröffentlichung der Ergebnisse. Obwohl Forschungsethik also ein wesentlicher Bestandteil qualitativen Forschen ist und in der Politikwissenschaft aktuell noch etwas zu kurz kommt, stellen sich im Zusammenhang mit dem Thema auch grundlegende Fragen, beispielsweise, was eine spezifisch sozialwissenschaftliche Forschungsethik ausmacht und wie eine Institutionalisierung gelingen kann, ohne dass Forschungsethik zu einem Kontrollinstrument wird, das gegen qualitative Forscher*innen eingesetzt wird.

 

Im Buch werden auch innovative interdisziplinäre Ansätze vorgestellt. Wie kann sich die qualitative Forschung der Politikwissenschaft bei anderen Disziplinen inspirieren?

Obwohl es so ist, dass manche Methoden stark mit einzelnen Disziplinen verknüpft sind (man denke zum Beispiel an die Rolle der Ethnographie in der Ethnologie) sind qualitative Methoden eigentlich eine Querschnittmaterie, die die unterschiedlichen sozialwissenschaftlichen Disziplinen miteinander verbindet. Dies geht teilweise auch über die Sozialwissenschaften hinaus, wie das Beispiel der von Karin Liebhart und Petra Bernhardt im Buch vorgestellten Visuellen Methoden zeigt. Qualitative Methoden sind also immer schon transdisziplinär, auch wenn sie manchmal disziplinenspezifische Ausformungen annehmen. Eine Offenheit gegenüber den methodischen Entwicklungen außerhalb der Politikwissenschaft kann insofern bereichernd sein, als neue Methoden nicht nur neue Instrumentarien zur Verfügung stellen, um Politik zu untersuchen. Sie eröffnen auch neue Perspektiven darauf, was Politik eigentlich ist bzw. aus welchen Elementen sich politische Phänomene konstituieren. In diesem Zusammenhang sei insbesondere die Situational Analysis genannt, die von Carrie Friese, Adele Clarke und Rachel Washburn entwickelt wurde und im Buch vorgestellt wird. In der Politikwissenschaft findet die Situational Analysis zwar vereinzelt bereits Anwendung, doch ihr Potential ist noch lange nicht ausgeschöpft. Aus der Wissenschaft- und Technikforschung kommend, ermöglicht es diese Methode politische Phänomene als „Situationen“ zu verstehen, die durch internationale, nationale und lokale Dynamiken, Institutionen und Akteur*innen geformt werden, aber auch durch Diskurse und materielle Objekte. Dies erlaubt einen „ganzheitlichen“ Blick auf politische Phänomene. 

 

Datenanalyse in der qualitativen Forschung: Wie geht man sie am besten an, ohne in den Inhalten (bspw. in Interviewantworten) „verloren“ zu gehen?

Die Herausforderung bei der Analyse ist es tatsächlich auf der einen Seite nicht im Material verloren zu gehen, und auf der anderen Seite dem Material mit größtmöglicher Offenheit zu begegnen. So bietet die Herangehensweise Datenmaterial mit vorgefertigten Konzepten zu analysieren zwar Halt, doch oftmals nicht die gebotene Offenheit – die letztlich notwendig ist, um Neues zu lernen und nicht nur Bestätigung für schon Bekanntes in den Daten zu finden. Wir empfehlen daher eher sich bei der Analyse des Datenmaterials an der Forschungsfrage zu orientierten anstatt an vorab festgelegten Konzepten. Dadurch kann man einerseits Fokus bewahren und entscheiden, welche Teile des Materials im aktuellen Forschungsprojekt prominent oder nur am Rande vorkommen sollen. Es kann auch hilfreich sein, zeitnah nach Beginn der Analyse mit der Verschriftlichung der Ergebnisse zu beginnen. Durch das Verschriftlichen kann man oftmals analytische Ideen besser schärfen und leichter entscheiden, welchen Stellenwert einzelnen Teile des Datenmaterials für die Analyse haben. Schreiben ist also auch eine Technik, um sich in den Daten zurechtzufinden und Prioritäten zu setzen.  

 

Abschließend eine Frage zur Beurteilung der Forschungsqualität: Woran erkennt man überhaupt gute qualitative Forschung?

Gute qualitative Forschung zeichnet sich durch einige Kriterien aus, die wir auch im Buch ausführlich besprechen. Dazu gehören Glaubwürdigkeit (Stehen die Forschungsergebnisse in einem glaubwürdigen Zusammenhang mit den analysierten Daten?), Übertragbarkeit (Sind die Ergebnisse auf andere ähnliche Fälle und Kontexte übertragbar?), Nachvollziehbarkeit (Ist es nachvollziehbar und gut begründet, wie die Forscherin bei der Datenerhebung und -analyse vorgegangen ist?) und Reflexivität (Hat die Forscherin ihre eigene Positionalität und Rolle im Forschungsprozess reflektiert?). Unsere Empfehlung ist auch, sich mit den Qualitätskriterien qualitativer Forschung nicht erst am Ende des eigenen Forschungsprojekte auseinander zu setzen. Diese von Anfang an im Blick zu haben, macht Forschungsprojekte überzeugender und besser. Doch nicht nur Politikwissenschafter*innen, die selbst qualitativ forschen, sollten die Qualität qualitativer Forschung zu beurteilen in der Lage sein. Sowohl im Studium als auch darüber hinaus ist es eine wichtige Kompetenz wissenschaftliche Studien und deren Resultate evaluieren zu können.

 

Vielen Dank für das Interview!

Autorinnen

Mirjam Pot ist Universitätsassistentin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und Mitglied der Forschungsgruppe „Zeitgenössische Solidaritätsstudien“ (CeSCoS).

Barbara Prainsack ist Professorin für Vergleichende Politikfeldanalyse an der Universität Wien, Leiterin der Forschungsplattform „Governance of Digital Practices“ und Mitglied der österreichischen Bioethik-Kommission.